Die Welt steht still

Es gibt Zeiten im Leben, da steht die Welt still. Und wenn sie sich dann wieder weiterdreht, ist nichts mehr wie es war.
Was in den letzten Wochen über uns hereingebrochen ist, hätte niemand von uns für möglich gehalten. Die Straßen, öffentliche Gebäude, Kirchen, Universitäten, Fußballstadien… alles wie leer gefegt. Absagen, Verschiebungen, Sorge, Angst.
Alles nur ein Film, ein Traum, ein Albtraum?
Die Propheten der Bibel haben gerade in diesen Situationen besonders auf Gott vertraut. Habakuk ist einer von ihnen. Für viele eher unbekannt. Im Stundenbuch der Kirche, gerade jetzt in der Fastenzeit, hat er einen festen Platz. Seine Worte sind heute genauso aktuell:
„Herr, ich höre die Kunde, ich sehe, Herr, was du früher getan hast. Lass es in diesen Jahren wieder geschehen, offenbare es in diesen Jahren! (…) Denk an dein Erbarmen!“ (Habakuk 3,2)
Und dann blickt er um sich, in seine Welt… und sieht:
„Zwar blüht der Feigenbaum nicht, an den Reben ist nichts zu ernten, der Ölbaum bringt keinen Ertrag, die Kornfelder tragen keine Frucht; im Pferch sind keine Schafe, im Stall steht kein Rind mehr.
Dennoch will ich jubeln über den Herrn, und mich freuen über Gott, meinen Retter.
Gott, der Herr, ist meine Kraft.“ Habakuk (3,17-19)
Der Prophet Habakuk versteht sich nicht als Sprachrohr Gottes, sondern als klagender Beter, der auf Antworten wartet. In der Welt, in der er lebt, herrscht Gewalt, Gier, Chaos und Ratlosigkeit. Durch dieses Leid hindurch dringt die Stimme des Propheten: "Ich schreie zu dir: Hilfe! (Habakuk 1,2). Auf seine Verzweiflung antwortet Gott und aus dem Dialog entwächst die Botschaft seiner Botschaft: Vor allem Bedrückenden und Lebensbedrohlichem in der Welt rettet das gewaltfreie Vertrauen auf Gott. Menschen die einander beistehen, die helfen, die da sind.
Aus der Perspektive des Buches Habakuk geht es dabei um das Überleben der friedfertigen und liebevollen Menschen in einer konkreten, bedrohlichen, geschichtlichen Situation.
Auch wir stehen in solch einer Ausnahmesituation. Jeder Mensch steht hier in der Verantwortung sein Leben zu ändern, sein Verhalten zu überprüfen und einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Das Wort Krise passt hier gut. Dieses ursprünglich griechische Wort bedeutet „Scheidung, Entscheidung“. Wir müssen uns derzeit von allem scheiden lassen, was sonst als normal und selbstverständlich gilt. Wir müssen uns für das entscheiden, was jetzt für die Risikogruppen (besonders alte, kranke und angeschlagene Menschen) lebensrettend ist.
Das was uns hier helfen kann, ist der Zusammenhalt, die Rücksichtnahme und das Vertrauen in Gott. Auch wenn alle Gottesdienste mit Menschen abgesagt sind, sage ich Ihnen heute zu, dass ich alleine (ohne weitere Menschen) an jedem Tag bis zum Ende der Krise für SIE alle einen Gottesdienst feiern werde. In diesem Gottesdienst und in meinem Gebet haben SIE alle einen festen Platz. Wir Seelsorgerinnen und Seelsorger sind für SIE in der Notsituation da. Besonders ist Gott da. Er lässt uns niemals im Stich. Ich wünsche uns allen, dass wir gut durch diese Krise kommen und danke allen für jedwede Hilfe.

Dekan Prof. Dr. Sven van Meegen